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Grundberührung

Das Wort Grundberührung klingt eigentlich harmlos. Sie kann harmlos sein, aber auch lebensgefährlich. Entsprechend unterschiedlich ist die juristische Sicht, wenn die berühmten drei-Zoll-Wasser-unter-dem-Kiel fehlen.

Wir müssen an dieser Stelle nicht darüber reden, wenn eine Yacht im flachen Hafen mal im Schlamm oder Sand wühlt. Dem Wortsinn nach ist dies natürlich auch eine Grundberührung, sie löst aber keine juristischen Folgen aus.

Dramatischer wird es, wenn der Anstoß heftiger war. Häufig sind es gerade die Fälle, bei denen es ohne Wassereintritt scheinbar noch einmal gut gegangen ist, die die Rechtsanwälte beschäftigen. Es ist unbedingt anzuraten in solchen Fällen hohe Sensibilität walten zu lassen. Eine gründliche Kontrolle des Schadensbereiches sollte nicht mit einem flüchtigen Blick in die Bilge enden. Die Demontage von einigen Bodenbrettern und das Abtauchen des Kielbereiches sind in vielen Fällen anzuraten. Bei Segelyachten mit herkömmlichen Kielformen ist besonders der Bereich der Bodenwrangen bzw. Strongback auch vor und hinter der Kielaufhängung gründlich zu untersuchen. Hinweise auf härtere Anstöße können sich auch aus feinen Rissen im Fußbereich der Einbauten ergeben. Schon geringe Veränderungen können Hinweise auf kostenträchtigen Reparaturbedarf darstellen.

Bei den geringsten Zweifeln sollte die Kaskoversicherung zumindest vorbeugend informiert werden. Klug ist das Schiff vielleicht doch in den nächstbesten Kran zu hängen oder einer Werftkontrolle zu unterziehen. Häufig werden derartige vorsorgliche Untersuchungen von der Versicherung getragen, die immer an einer Schadensminderung bzw. –früherkennung interessiert ist.

Lässigkeit bei dem Thema Grundberührung kann erhebliche finanzielle Folgen haben. Wenn der Umfang des Schadens erst klar wird, wenn das Schiff im Herbst ins Winterlager kommt, ist es häufig für eine Schadensmeldung an die Versicherung zu spät. Die Juristen sprechen dann von der Verletzung einer vertraglichen Obliegenheit, und die kann nach § 28 VVG, genauso wie falsche Angaben über Zeit und Ort eines Unfalls zur Verweigerung der Regulierung führen. Die Versicherung kann sich nach der sogenannten Relevanztheorie des Bundesgerichtshofes auf die Obliegenheitsverletzung jedoch nur berufen, wenn die verspätete Schadenanzeige typischerweise dazu führt, dass Ursache und Hergang des Schadensereignis schwerer aufklärbar sind. Dies dürfte in den meisten Grundberührungsfällen zutreffen.

Ganz problematisch wird es, wenn der Kunde der Versicherung nicht mehr genau sagen kann, wann und wo der Aufsitzer stattfand. Ein Versicherungsfall setzt immer ein plötzliches, aber konkretes Ereignis voraus. Das sollte mit allen Begleitumständen, wie Ort, Zeit, Wetter, Wind, Strömung, Kurs, Geschwindigkeit und Zeugen im Logbuch vermerkt sein. Das Fehlen solcher Informationen oder widersprüchliche Angaben würden auch eine Obligenheitsverletzung darstellen und können den Versicherer zur Ablehnung veranlassen.

Doch selbst bei ordnungsgemäßer Schadenmeldung kann das weitere Benutzen des Bootes ohne ausreichende Kontrolle zu Problemen führen. Wird der Schaden erst im Winterlager festgestellt, ist ein breiter Diskussionsraum über die Ursache eröffnet. Hellseherische Fähigkeiten sind gefragt, wenn es darum geht, inwieweit der Schaden durch den Unfall und inwieweit er durch die Weiterbenutzung entstanden ist. Kein Sachverständiger wird dies wirklich genau sagen können. Die Folge ist ein Gefeilsche zwischen 20/80 und 80/20. Auch nur 20% Selbstbeteiligung wären ein teurer Preis für den lässigen Umgang mit der Grundberührung. Um solchen Stress zu vermeiden untersuchen die professionellen Chartergesellschaften jede Yacht bei Rückgabe meist durch Taucher im Hafen. Das ist auch bei privater Gelegenheits-Vercharterung unbedingt anzuraten.

Noch dramatischer wird die Geschichte, wenn der Freund, dem die Yacht nur mal geliehen war den Bums mitzuteilen vergisst. Verschweigt der Nutzer den Schaden und zahlt die Versicherung deswegen nicht, hat der Eigner einen Anspruch gegen den Nutzer. Eine harte Belastungsprobe für die Freundschaft.

Saisonende aus Sicht des Anwalts

Da hängt das Schiff im Kran und symbolisiert knallhart das Saisonende, tropfend und mit Unterwasserbewuchs. Der Hafenmeister bedient den Kran, der Winterlagerbetrieb ist mit dem Transportwagen da, der Eigner hält die Vorleine. Ob einer von denen wohl an Jura denkt?

Ein Richter kommt auf seinem Spaziergang vorbei und fragt sich: Wer ist denn hier für was verantwortlich? Gute Frage!

Die beste Empfehlung an den Eigner aus juristischer Sicht: Halten Sie sich zurück! Lassen Sie die Profis machen. Machen Sie allenfalls mit und folgen Sie den Anweisungen der Profis. Wenn das Boot schief auf dem Wagen steht können Sie immer noch meckern.

Der Kranvorgang ist unter Regie des Kranbetreibers. Er trägt die Verantwortung und haftet, wenn das Boot aus dem Geschirr fällt. Er wird eine Kranhaftpflichtversicherung besitzen, die Schäden am Schiff durch den Kranvorgang regulieren muss. Wenn der Eigner die Regie übernimmt, sein Krangeschirr benutzt und sagt wo es angeschlagen werden soll, dann kann er den Kranbetreiber und seine Versicherung kaum in Haftung nehmen. Hoffentlich ist seine Yacht im Schadenfall dann kaskoversichert. Doch eine Kaskoversicherung leistet nicht genauso, wie die Haftpflichtversicherung eines Dritten. Der Leistungsumfang ist verschieden. Haftpflicht bedeutet wiederherstellen des Zustands wie vor dem Unfall, Ausgleich aller Nachteile die durch den Schaden verursacht sind. Die Juristen nennen das „Naturalrestitution“.

Anders bei der Kaskoversicherung: Die bezahlt was im Versicherungsvertrag mit dem Eigner vereinbart ist. Die Reparatur, bei Totalschaden sogar das ganze Schiff (Versicherungssumme), aber zieht eine Selbstbeteiligung ab, stuft ihre Prämie herauf und zahlt keine Nebenschäden (z.B. Ihre Reisekosten), keinen Nutzungsersatz und keine Wertminderung.

Zurück zum Kranvorgang: Ihr Boot ist trotz der Horrorszenarien, die dem Richter vielleicht gerade durch den Kopf gingen, gut an Land und über dem Trailer angekommen. Der Hafenmeister fiert das Geschirr, das Boot sinkt in die Lager des Trailers. Der Kran schwenkt weg.

Und was wenn jetzt eine Runge nachgibt? Ich soll aufhören mit den Worst-Case-Szenarien? Aber das Boot ist doch noch lange nicht im Winterlager! Gut, das mit dem Transport ist auch nicht so spannend, weil völlig analog zum Kran. Wenn der Spediteur haften muss, wird er eine Frachtversicherung haben, wenn nicht: Ihre Kasko, siehe oben.

Nun sind wir in der Winterlagerhalle angekommen: Die meisten Mietverträge für Winterlager drinnen wie draußen sind so formuliert, dass der Eigner nur einen Platz mietet, der Betreiber der Halle also keine Verwahrung schuldet. Die Devise kann da nur sein: Schützen Sie sich selbst! Bauen Sie den schönen neuen Faltpropeller / die Doppelschraube ab, ziehen Sie immer den Stecker heraus, schließen Sie die Leiter an! Denken Sie an Brandgefahren. Das neueste Risiko: Elektromotorboote oder andere große Batteriegruppen. Bitte nicht (zu viel, unbeobachtet) laden! Die brennen im Zweifel wie verrückt und keine normale Feuerwehr ist dafür ausgerüstet. Da bei Bränden in Winterlagern oft die Ursache, aber meist nicht der Verantwortliche gefunden werden kann, geht der Blick schon wieder gen Sportboot-Kasko-Versicherung. Eingeschränkter Umfang: s.o.

Wenn es Ihnen in dem Winterlager nicht gefällt schauen Sie rechtzeitig mal in den Mietvertrag für den Lagerplatz. Die meisten Verträge beinhalten Fortsetzungsklauseln. Sie müssen im Sommer kündigen, wenn sie nicht automatisch für das nächste Winterhalbjahr eingebucht sein wollen.

Das alles wird natürlich rechtlich und praktisch viel einfacher, wenn man sich einen Komplettservice leistet. Man bringt das Schiff an die Pier und vereinbart mit dem Werftbetrieb: „Hier ist mein Schiff und die Schlüssel, so (oder besser) hätte ich es gern im April zurück“. Da ist die Verantwortung voll beim Werftbetrieb, nicht nur für Schrammen, auch für das Zubehör und Frostgefahren …

Wenn die Werft nicht haftet, weil sie z.B. wegen der ganzen Mängel und Auflagen insolvent wird… Sie wissen schon: Ihre Kasko.

So, nun genug der Horrorszenarien! Kommen Sie gut über den Winter! Bis bald!

Vortrag beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft

Die Vortragsunterlagen zum Wassersportrevier Kieler Förde sind jetzt online verfügbar. Auf einer Wassersport-Kaskotagung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft hielt Rechtsanwalt von der Mosel einen Fachvortrag zu den rechtlichen Besonderheiten in einem Wassersportrevier am Beispiel der Kieler Förde. Als Leiter der Seebahnen bei der Kieler Woche und Dank seiner anwaltlichen Schwerpunkttätigkeit im Sportbootrecht hat Herr von der Mosel in diesem Bereich ein hohes Maß an tatsächlicher und rechtlicher Erfahrung, das er an die Mitarbeiter der Yacht-Kasko-Versicherungen weitergeben konnte. Der Vortrag ist vom Veranstalter zwischenzeitlich online gestellt worden und kann unter dem nachfolgenden Link eingesehen werden.